Wohn- und Geschäftshaus Friedrichstraße 32/33Beitrag von Eva Koch

• Lage: Friedrichstraße 32/33, Berlin-Kreuzberg
• Gebäudetyp: Wohn- und Geschäftshaus
• Bauzeit: 1985–87
• Architekt(en): Raimund Abraham mit Heike Büttner und Claus Neumann, Kontaktarchitekten Plessow und Ehlers (vormals Grötzebach, Plessow, Ehlers Architekten BDA)
• Bauherr: Concorde Center (Fa. Kellner & Krüger) im Erbbaurecht des Landes Berlin

Die Städtebauliche Ausgangssituation unmittelbar vor den IBA-Planungen
Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 durch die Regierung der DDR wird die Friedrichstadt entlang der Zimmerstraße in eine nördlichen und südlichen Bereich geteilt und die Verkehrsachse der Friedrichstraße zur Lindenstraße durch einen befestigten Grenzübergang unterbrochen. In Folge wird aus der Innenstadtlage der südlichen Friedrichstadt eine Randlage innerhalb West-Berlins. Dadurch werden die weitergehenden überlegung zur Bereichsentwicklung der Südlichen Friedrichstadt unmittelbar von der politische Situation im sog. Ost-West Konflikt, der Grenzmauer und dem Grenzübergang „Checkpoint-Charlie“ geprägt.

Mit der Senatsvorlage von 1978 für die Internationale Bauausstellung Berlin  ’84 wird die Südliche Friedrichstadt als „Herz“ der Bauausstellung bezeichnet. Insbesondere wird die „architektonische Ausbildung und Wiederherstellung der historischen Straßenkreuzung Koch-/Friedrichstraße zum Ziel erklärt. Dies macht die besondere Bedeutung des Bereichs und seiner Bauten für die IBA  ’84/ ’87 deutlich.

Friedrichstraße 1980; Quelle: Landesarchiv Berlin

Friedrichstraße 1980; Quelle: Landesarchiv Berlin

Demonstrationsziel und Planungsgeschichte
1980/81 wurde ein internationaler engerer städtebaulicher Wettbewerb Kochstraße/Friedrichstraße „Wohnen und Arbeiten in der Südlichen Friedrichstadt“ von der Bauausstellung Berlin GmbH, in Abstimmung mit dem Senator für Bau- und Wohnungswesen, dem Bezirksamt Kreuzberg von Berlin und den derzeitigen Grundstückseigentümern sowie Bauherren ausgelobt.

Ziel des Wettbewerbes war es durch neue Bebauungs- und Freiraumkonzepte, das heterogene und konzeptlose Stadtgebiet mit einem kleinteiligen und vielseitigem Nutzungskonzept unter Aufnahme bzw. Wiederherstellung der historischen Blockstruktur und Einbeziehung noch erhaltener Bausubstanz zu einem innerstädtischen, attraktivem Wohn- und Gewerbegebiet zu machen.

Das Wettbewerbsgebiet umfasste vier Blöcke, für welche vier einzelne Bauwettbewerbe definiert wurden und jeweils 6 nationale wie internationale Architekten eingeladen wurden. Da die vier Blöcke in einem städtebaulichen Kontext zueinander standen und in einem gemeinsamen Verfahren abgewickelt werden sollten, wurde den Teilnehmern freigestellt, über den eigentlichen Wettbewerbsblock hinaus, einen Vorschlag für alle vier Blöcke zu erarbeiten.

Raimund Abrahams Wettbewerbsbeitrag für den Block 10 ging nicht als erster Preis hervor, jedoch erhielt er in Folge dessen 1983 einen Architektenvertrag zur weiteren Bearbeitung seines Vorentwurfes für ein Wohn- und Geschäftshauses in der Baulücke Friedrichstraße 32/33 (Block 11). Der Entwurf umfasste einen Gesamtlageplan (M 1:200), Grundrisse, Ansichten und Schnitten (M 1:100), konzeptionellen überlegungen zur Bauweise, sowie rechnerischen Grobunterlagen zur GF, GFZ und BMZ und diente als Grundlage für einen Bauträgerwettbewerb.

Als Demonstrationsziele wurden hierbei die stadträumliche Wiederherstellung der Friedrichstraße sowie ihre Nutzung als weitgehend verkehrsberuhigte Geschäftsstraße mit der Möglichkeit zur Verflechtung von Arbeiten und Wohnen deklariert, wobei die kostengünstige Erstellung und Finanzierung des Gebäudes ebenfalls angestrebt wurden.

Der Bauträgerwettbewerb fand 1984 statt. Von sechs Konkurrenten wurden drei in die engere Wahl genommen. Aufgrund der lediglich geringfügigen Veränderung der Entwürfe Abrahams und der Risikobereitschaft, was den Eigenkapitalsanteil anging, wodurch eine günstige Gewerbemiete gewährleistet werden konnte, ging schließlich das Büro Kellner und Krüger als Sieger hervor. Später agierte dieses Büro unter der Bezeichnung Concorde Center.

Wirtschaftliche, bauaufsichtliche und wohnungsbauförderungsbedingte Auflagen führten zu einer geringen Abänderung der Entwürfe von 1983. Die Bebauung des Innenhofes mit weiteren Gewerbeflächen entfiel hierbei zugunsten einer für Spiel- und Erholungszwecken vorgesehenen Freifläche. Die Kontakt- architekten Plessow und Ehlers (vormals Grötzebach, Plessow, Ehlers) erstellten die Baugenehmigungsunterlagen und am 22.02.1985 wurde der Bauantrag eingereicht. Im Dezember 1985 wurde der Baubeginn vor Erteilung der Baugenehmigung gestattet. Am 05.06.1986 schließlich wurde die Baugenehmigung erteilt (Bau- und Wohnungsaufsichtsamt Kreuzberg, Baugenehmigung Nr. 618). Im Sommer 1987 erfolgte die Baufertigstellung.

Städtebauliche und/oder architektonische Lösung zur Erreichung des Demonstrationzieles
Der Neubau des Wohn- und Geschäftshauses in der etwa 27 m breiten Baulücke bildet ein städtebauliches Verbindungsglied zwischen dem nördlich angrenzenden Verwaltungsbau aus der nationalsozialistischen Zeit (1938–42 von Hans Fritzsche und Friedrich Löhbach) und dem südlich anschließendem Geschäftshaus von 1891–93 (Gustav Knoblauch). Zum einen wird so der historische Straßenraum wiederhergestellt. Zum anderen vermittelt die differenziert gegliederte Straßenfassade des siebengeschossigen Gebäudes zwischen den verschiedenen Baufluchten und Trauflinien der Nachbarhäuser, bringt aber auch einen eigenen, baukünstlerischen Charakter zum Ausdruck.

Die vordere Fassadenebene mit Loggien und Balkonen orientiert sich an der Bauflucht des südlichen Wohn- und Geschäftshauses, während die hintere Fassadenebene die Flucht des nördlichen Verwaltungsbaus aufnimmt. Das Gebäude weist mittig einen vertikalen Einschnitt auf. Hier befindet sich der Zugang zur vertikalen Erschließung des Gebäudes. Das Fensterband dieses vertikalen Einschnitts liegt hinter den Hauptfassadenebenen, wird aber durch die davor befindliche Stahlkonstruktion betont. Ursprünglich war geplant hier erdgeschossig eine offene Passage zum Hof zu ermöglichen, da dort eine eingeschossige Ergänzung des Hauptgebäudes zu einem Kreis mit weiteren Gewerberäumen vorgesehen war. Diese eingeschossige Bebauung im Hof entfiel (s.o.), aber die trichterförmige Ausbildung als Hinführung zum Zugang der vertikalen Erschließung, wurden im EG und 1.OG baulich formuliert. Wobei im 1.OG die straßenseitigen Balkone so auskragen, dass optisch wieder eine konstante Breite des vertikalen Einschnitts hergestellt wird.

Die Gestaltung und Bedeutung der darüber liegenden Balkone wird in der Baubeschreibung für die Baugenehmigungsunterlagen wie folgt beschrieben „Diese Balkone werden von diagonalen Zugbalken gehalten … und dadurch die Spannung zwischen den geteilten Hälften der Fassade verstärkt“. Darüber hinaus verbindet ein horizontales Traufelement die zwei Hälften und nimmt gleichzeitig die Trauflinie des südlich anschließenden Wohn- und Geschäftshauses auf.

Die rückwärtige Fassade bildet einen Halbkreis und schafft hierdurch einen geschützten Wohnbereich Dem Anspruch an eine Verflechtung von Wohnen und Arbeiten wurde durch die Anordnung von flexiblen Gewerberäumen im Erd- und 1. Obergeschoss sowie jeweils vier Wohnungen in den fünf weiteren Obergeschossen genüge getragen. Insgesamt entstanden so rund 586 qm für Läden, Gaststätten, Praxen oder Büroräume und zwanzig Dreizimmerwohnungen (sozialer Wohnungsbau) mit jeweils ca. 80 qm.

Wohn- und Geschäftshaus Friedrichstraße 32/33, Raimund Abraham mit Heike Büttner und Claus Neumann, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Wohn- und Geschäftshaus Friedrichstraße 32/33, Raimund Abraham mit Heike Büttner und Claus Neumann, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Wenngleich durch den Fall der Mauer die Friedrichstraße nicht zur verkehrsberuhigten Zone umgestaltet wurde, so ist sie doch durch ihren südlichen Endpunkt im Mehringplatz keine Durchgangsstraße und vergleichsweise ruhig. Was jedoch dem Erreichen der stadträumlichen Zielsetzung entgegenwirkt, ist die fehlende Bebauung schräg gegenüber an der Ecke Puttkamerstraße/Friedrichstraße.


Baubeschreibung ausgeführter Bau ursprünglich und heute

Das siebengeschossiges Wohn- und Geschäftshaus mit Tiefgarage wurde in Massivbauweise (Mauerwerk und Stahlbeton) erbaut und außen wärmegedämmt und verputzt (mineralischer Putz). Der Baugrund machte eine Pfahlgründung des Gebäudes notwendig.

Der Baukörper ist achsial sowohl zur Straße, als auch zum Hof, durch die Einbuchtung des Gebäude- und Hofzugangs gegliedert. Darüber hinaus wird die Straßenfassade durch die vorgestellten bzw. auskragenden Balkone und Loggien aus Stahlbetonfertigteilelementen und die Ausführung des siebten Geschosses als Staffelgeschoss strukturiert. Weitere Akzente setzten die mittige Stahlkonstruktion und das halbkreisförmige Vordach. Zum Hof weist der Baukörper eine halbzylindrische Einbuchtung auf, so dass er etwa über 3/5 seiner Breite einen Halbkreis umschließt. Die zum Hof hin auskragenden Balkone vom zweiten bis zum siebten Geschoss folgen dem halbkreisförmigen Verlauf des Baukörpers und verstärken durch die Ausbildung ihrer Brüstungen die horizontale Gliederung der Hoffassade, während die bereits beschriebene Akzentuierung der vertikalen Mittelachse durch den Gebäude- und Hofzugang bzw. das vertikale Fensterband und den mittigen Einschnitt in der Attika betont wird.

Im Erd- und 1. Obergeschoss befinden sich Gewerbeflächen, die je nach Bedarf und Nachfrage flexibel für Läden, Praxen oder dergleichen aufgeteilt werden können. In den weiteren fünf Obergeschossen sind jeweils vier Dreizimmerwohnungen angeordnet. Die Wohnungen sind entweder zur Straße nach Westen oder in den ruhigen Hofraum nach Osten orientiert. Die Erschließung der Gewerberäume im 1. Obergeschoss sowie der Wohnungen in den weiteren Obergeschossen erfolgt durch eine sich nahezu über die ganze Breite des Gebäudes erstreckende Treppenhalle mit einer einläufigen Treppe und einem Aufzug. Die Wohnungen wurden im Rahmen des öffentlich geförderten Wohnungsbaus errichtet und sind jeweils ca. 80 qm groß. Augenscheinlich und den Bauakten zufolge sind neben Anpassungen für die gewerbliche Nutzung keine baulichen Veränderungen vorgenommen worden.

Grundriss EG der Planunterlagen für den Bauherrenwettbewerb, 1983; Quelle: Landesarchiv Berlin

Grundriss EG der Planunterlagen für den Bauherrenwettbewerb, 1983; Quelle: Landesarchiv Berlin

Der Architekt und sein Werk
Raimund Abraham
Geboren am 23.07.1933 in Lienz, Osttirol, Österreich
Gestorben am 04.03.2010 in Los Angeles, Kalifornien, USA
Er studierte von 1952–58 an der Technischen Hochschule in Graz. 1958–60 folgten Studien in Deutschland, Belgien und der Schweiz. Anschließend arbeitete er von 1960–64 als freischaffender Architekt in Wien. In dieser Zeit kam es u.a. zur Zusammenarbeit mit Walter Pichler und Hans Hollein. 1964 erhielt er eine Professur an der Rhode Island school of design in Providence, USA und siedelte in die Vereinigten Staaten über. 1968 wurde er an der Rhode Island School Direktor des studio of environmental technology institute. 1971 wechselte er an die Cooper Union for the advancement of science and art in New York und wurde zugleich Professor am Pratt Institute, New York. Seit 1971führte er darüber hinaus sein eigenes Studio für Architektur und Design in New York. Neben seiner Lehrtätigkeit widmete er sich in den 1960er und 1970er Jahren vor allem der Forschung, der Suche nach neuen architektonischen und städtebaulichen Visionen. In den 1980er und 1990er Jahren nahm er jedoch auch an verschiedenen internationalen Wettbewerben teil, wie dem der IBA in Berlin. 1992 gewann er den ersten Preis im Wettbewerb für den Neubau des österreichischen Kulturinstitutes in New York. Es wurde 2002 fertiggestellt und zählt als das wichtigste seiner Karriere. Er starb am 4. März 2010 in Los Angeles, USA.

Literatur:
• Bauausstellung Berlin GmbH (Hrsg.): Idee, Prozeß, Ergebnis. Die Reparatur und Rekonstruktion der Stadt. Internationale Bauausstellung Berlin 1987. Berlin, 1984.

• Bauausstellung Berlin GmbH (Hrsg.): Internationaler engerer Wettbewerb, Berlin, Südliche Friedrichstadt, Wilhelmstraße, Berlin, 1981.

• Bauausstellung Berlin GmbH (Hrsg.): Wohnen und Arbeiten in der Südlichen Friedrichstadt, Internationaler engerer Wettbewerb, Kochstraße/Friedrichstraße, Berlin, 1980.

• Bauausstellung Berlin GmbH (Hrsg.): Städtebaulicher Rahmenplan, Südliche Friedrichstadt, Berlin- Kreuzberg, Arbeitsbericht. Berlin, 1984.

• Bauausstellung Berlin GmbH (Hrsg.): Internationale Bauausstellung Berlin 1987, Projektübersicht. Berlin, 1987.

• Lepik, Andres, Stadler, Andreas (Hrsg.): Raimund Abraham & the Austrian cultural forum New York. Ostfildern, 2010.

• Groihofer, Brigitte (Hrsg.): Raimund Abraham, (Un)built. Wien, 1996.

• Abraham, Raimund: Berlin Projekte 1980 bis 1983. Aedes. Berlin, 1983.

• Architektur Zentrum Wien (Hrsg.): Manhattan-Austria, Die Architektur des österreichischen Kulturinstitutes von Raimund Abraham. Wien, 1999.

• Abraham, Raimund: Elementare Architektur, mit Fotografien von Josef Dapra. Salzburg, 1963. Bauakten im Bezirksamt Kreuzberg Akten des IBA-Archiv im Landesarchiv Berlin

Wohn- und Geschäftshaus Friedrichstraße 32/33, Raimund Abraham mit Heike Büttner und Claus Neumann, Zustand Oktober 2010; Foto: Gunnar Klack

Wohn- und Geschäftshaus Friedrichstraße 32/33, Raimund Abraham mit Heike Büttner und Claus Neumann, Zustand Oktober 2010; Foto: Gunnar Klack