Wohn- und Geschäftshaus Friedrichstr., Rudi-Dutschke-Str.Beitrag von Andreas Salgo

• Bezeichnung: Wohn- und Geschäftshaus mit Mauer-Museum „Haus am Checkpoint Charlie“
• Lage: Rudi-Dutschke-Straße 28 (früher Kochstraße), Friedrichstraße 43, Südliche Friedrichstadt, Berlin-Kreuzberg
• Bauzeit: 1985–86
• Architekt(en): Eisenman/Robertson Architects – Peter Eisenman mit Thomas Leeser, Kontaktarchitekten Dietmar Grötzebach, Günter Plessow, Reinhold Ehlers und Wilfried Hartmann
• Bauherr: Hauer & Noack
• Gebäudetyp: Öffentlich geförderter sozialer Wohnungsbau mit Mischnutzung, Bebauung an einem Blockecke, Blockreparatur

Allgemeine Zuordnung:
Das Objekt ist ein Neubauprojekt der Internationalen Bauausstellung Berlin 87 (IBA 87) im Demonstrationsgebiet Südliche Friedrichstadt. Ihr Baukörper definiert an der Ecke Kochstraße, Friedrichstraße die Blockecke von Block 5.  Planungsziel der IBA in der Südliche Friedrichstadt war, das Wiederaufgreifen der historischen Stadtstruktur, des Stadtgrundrisses und ihrer typischen Blockrandbebauung, sowie die Wiedereinführung von Nutzungsmischung von Arbeiten und Wohnen in der Innenstadt.

Zusätzlich zu den „Demonstrationszielen“ der städtebaulichen Wiederherstellung von Straßenraum und Nutzungsmischung, sind am Projekt jedoch das „genius loci“ der besonderen Situation durch die angrenzende Berliner Mauer prägend. In diesem Zusammenhang ist das Projekt als Interpretation dieser ortsspezifischen sowie der politischen Vorgaben durch die Verfasser zu verstehen. Im Verlauf der Umsetzung ging der unmittelbare Mauerbezug durch Wegfall des Projektteils „Mauerpark“ jedoch verloren. Das Bauwerk ist architekturgeschichtlich ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung des sog. Dekonstruktivismus der 80er und 90er Jahre.

Wohn- und Geschäftshaus mit Mauer-Museum „Haus am Checkpoint Charlie“, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Wohn- und Geschäftshaus mit Mauer-Museum „Haus am Checkpoint Charlie“, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Die Städtebauliche Ausgangssituation vor den IBA-Planungen:
Die unmittelbare Umgebung der Parzelle Friedrichstraße 207/208 war vor Baubeginn geprägt von dem erhaltenen Grundriss der Straßenkreuzung Kochstraße, Friedrichstraße, erhaltenen Einzelbauten der im 2. Weltkrieg zerstörten Blockstruktur, der entlang der Zimmerstraße verlaufenden DDR Grenzanlage sowie dem Grenzübergang Checkpoint Charlie, unmittelbar an der Parzelle.

Ab der Senatsvorlage von 1978 für die Internationale Bauausstellung Berlin ´84 wird die Südliche Friedrichstadt als „Herz“ der Bauausstellung bezeichnet.  Insbesondere wird die „architektonische Ausbildung und Wiederherstellung der historischen Straßenkreuzung Kochstraße, Friedrichstraße zum Ziel erklärt. Dies macht die besondere Bedeutung des Bereichs und seiner Bauten für die IBA ´84´87 deutlich.

Die städtebauliche Situation unmittelbar vor Planungsbeginn wird von einer stark heterogenen Baulichen Struktur von Blockfragmenten der Bebauung bis 1945 und den einzelnen Bauten aus dem Wiederaufbauprogramm der 50er und 60er Jahre, wie dem Springer-Haus auf der stark Kriegszerstörten Stadtfläche geprägt, die ihre Ursache in der Stadt- und Verkehrspolitik der Nachkriegszeit haben.

Der Block 5 zeichnete sich durch die Ost-, Süd- sowie Westseite definierende Blockfragmente aus dem 19. Jahrhundert aus, zwischen die die IBA Neubauten als Blockreparatur gesetzt wurden. Entscheidend für das Erscheinungsbild des Bauwerks wurde die politische Situation des am Ort eminenten „Kalten-Krieges“ und der globalen Ost-West-Konfrontation. Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 durch die Regierung der DDR, wird die Friedrichstadt entlang der Zimmerstraße in eine nördlichen und südlichen Bereich geteilt und die Verkehrsachse der Friedrichstraße zur Lindenstraße durch einen befestigten Grenzübergang unterbrochen. In Folge wird aus der Innenstadtlage der südlichen Friedrichstadt eine Randlage innerhalb West-Berlins.

Entwurf „Wohnhaus für Block 5“, Grundriss Regelgeschoss 1.–5. OG, Eisenman/Robertson, 1984; Quelle: Landesarchiv Berlin

Die städtebauliche Aufgabe/Demonstrationsziele der Bauausstellung
Die Demonstrationsziele für den Block 5 wurden von der IBA für den Wettbewerb Kochstraße-Friedrichstraße 1980 formuliert. Relevant für das Projekt waren: Wiederherstellung des traditionellen Straßenraumes, städtebauliche und architektonische Wiederherstellung eines zerstörten Blocks an der Mauer, Entwicklung spezieller Nutzungs- und Grundrisskonzeptionen für innerstädtischen Wohnungsbau an verkehrsreichen Straßen (baulicher Lärmschutz).

Im Planungsverlauf wurden diese Ziele insbesondere zur Begründung des Eiseman-Entwurfs durch die IBA erweitert: „Eigener, zeitgerechter Baustil zwischen Altbauten, ohne dass auf Einfügungs- oder Anpassungsarchitektur zurückgegriffen wird“.

Baubeschreibung:
Achtgeschossiges Gebäude für 37, zum Teil behindertengerechten Wohnungen. Elf davon sind als Seniorenwohnungen ausgewiesen. Die Blockecke wird durch die Erweiterung auf acht Geschosse, gegenüber der vorhandenen, sechsgeschossigen Bebauung, städtebaulich betont. Das EG und ein großer Teil des 1. OG sind als Gewerbeflächen ausgewiesen und beherbergen seit Baufertigstellung das Mauer-Museum „Haus am Checkpoint Charlie“. Erbaut mit Mitteln der sozialen Wohnungsbauförderung.

Das Gebäude nimmt die von Eisenman/Robertson im Wettbewerbsbeitrag 1980 (s.o.) vorgeschlagenen zwei, über das Planungsgebiet gelegten, voneinander durch ihre Ausrichtung abweichenden Gittersystemen auf.

Das erste Gitter nimmt die Ausrichtung der orthogonalen Struktur der Friedrichstadt auf, und fügt sich damit in die bestehende Straßenflucht ein. Das zweite Gittersystem bezieht sich auf das globale Merkator-Netz, mit dem symbolisch ein Bezug von Berlin und der restlichen Welt evoziert wird. Diese Geste verweist auf die überregional bedeutende, politische Situation, die am Ort substanziell wirkt.

Diese, im Grund und Aufriss gestalterisch wirksame Methode des Verdrehens und Überlagerns, führt zu den markanten  abschwenkenden Fassadenflächen der 1 bis 5 Geschosse. Die Fassade bildet visuell einen deutlichen Kontrast zu der herkömmlichen Blockrandbebauung und versteht sich dadurch auch als Kritik am „Fetisch“ des historischen Stadtzentrums und einer entwicklungsfeindlichen „Anpassungsarchitektur“.

Die straßenfluchtenden und die abschwenkenden Fassadenflächen sind zueinander differenziert gestaltet. Eisenman verwendet hierzu Gestaltungsmittel und Farbigkeit, die er bereits im ungebauten „House X“ 1975 zeigt und später in den Projekten wie dem Koizumi Sangyo Headquarter in Tokyo, Japan 1988–90 weiterentwickelt. So werden unterschiedlich große, farbige Gitterstrukturen als Ausbildung der Fenstersprossen oder als Putzflächen und Streifen visuell übereinander gelagert. Die roten, weißen und grauen Flächen, die an die Arbeiten des niederländischen „De Stijl“ und den Künstler Mondrian erinnern, unterstreichen dadurch die Bezüge der einzelnen Flächen der verdrehten Volumina.

Entwurf „Wohnhaus für Block 5“, Axonometrie, Eisenman/Robertson, 1984; Quelle: Landesarchiv Berlin

Die Komplexität des Baukörpers spiegelt sich nicht in den Grundrissen der Wohnungen. Varianten und unterschiedliche Wohnungsgrößen ermöglichen jedoch ein differenziertes Wohnungsangebot, mit Schwerpunkt auf barrierefreie Wohnungen für Senioren. Die Wohngeschosse werden mit einem zum Hof orientierten, geschlossenen Laubengang barrierefrei erschlossen, an den Treppenhaus und Aufzug als eigenständige Baukörper angefügt sind. Die Mehrzahl der Wohnungen sind zum Straßenraum hin orientiert, mit Ausnahme der an die Bestandsbauten angrenzenden Wohnungen, die auch zum Hof hin orientiert sind. Die Wohnungen besitzen innenliegende Badezimmer und Küchen. Ein Wohnzimmer dient in der Regel als Durchgangszimmer zu einem teilweise innenliegenden, fensterlosen Schlafzimmer sowie einem Wintergarten. Diese problematischen Grundrisse gehen auf die Überarbeitung der Eisenman-Entwürfe durch das berliner Büro Grötzebach, lessow, Ehlers zurück und sind einer Forderung nach Raummaximierung mit möglichst vielen Wohneinheiten für den sozialen Wohnungsbau geschuldet.

Planungsgeschichte
Grundlage der Teilnahme der Verfasser in der IBA, ist die Einladung des Büros Eisenman/Robertson 1980/81 zum Internationalen engeren Wettbewerb „Wohnen und Arbeiten in der Südlichen Friedrichstadt“ Kochstraße, Friedrichstraße. Ziel des Wettbewerbs war die Entwicklung von Bebauungs- und Freiraumkonzepten  für die vier Blöcke die durch Zimmerstraße, Puttkamerstraße, Charlottenstraße und Wilhelmstraße begrenzt sind.

Hierfür entwickelten Eisenman/Robertson ein Konzept von sich überlagernden und gegeneinander verschränkten baulichen Strukturen um „einen der imposanten und symbolischen Ort, […] in einen der ausgefallensten Gegenden der Welt“ zu schaffen.

Wettbewerbsbeitrag für den internationalen engeren Wettbewerb „Wohnen und Arbeiten in der Südlichen Friedrichstadt“ Kochstraße/Friedrichstraße, Eisenman/Robertson, 1981; Quelle: Landesarchiv Berlin

Das Konzept „the Artifficially Excavated City“ nimmt den Typus der „künstlichen Ruine“ auf und interpretiert ihn neu, um zeichenhaft auf geschichtliche und politische Situation des Ortes hinzuweisen: „an interpretation…to excavate all ist cultural meanings“. Als begehbares Monument, sollen diese Zusammenhänge auch in einer Promenade Architecturale durch die sich überlagernden baulichen Strukturen für den Besucher erlebbar gemacht werden. So waren auch Aussichtstürme geplant, die einen Blick über die Mauer ermöglichen sollten. Das Konzept eines begehbaren, flächenhaften Monuments wurde von Eisenman bei dem Wettbewerbsbeitrag für „das Denkmal der ermordeten Juden Europas“ wieder aufgegriffen.

Wettbewerbsmodell für den internationalen engeren Wettbewerb „Wohnen und Arbeiten in der Südlichen Friedrichstadt“ Kochstraße/Friedrichstraße, Eisenman/Robertson, 1981; Quelle: Landesarchiv Berlin

Eisenman/Robertson erhält den 1 Preis. Die Jury lobt hierbei „einstimmig…den hohen künstlerischen und gedanklichen Wert. Das Konzept des Monuments erscheint unter Einbeziehung der politischen und kulturellen Öffentlichkeit durchsetzbar.“ Nach dem politischen Wechsel im Senat und dem mit dem neuen Bürgermeister Richard von Weizäcker verliert das Projekt des Flächenmonuments an der Mauer jedoch an finanzieller Unterstützung. Daher erhält Eisenman den Auftrag für die Planung von „Wohn- und Geschäftsbauten“ auf 50% von Block 5. Peter Eisenman ist Innerhalb des Büroteams hauptverantwortlicher Entwurfsverfasser.[Gesprächsprotokoll Kleihues/Eisenman 20.05.1982, 1542]

Überarbeitung des Blockkonzeptes und Aufteilung des Blocks auf die Preisträger. Erster Vorschlag von Eisenman am 01.Juli 1982. Im Erläuterungsbericht vom 24.04.1983 wird dargestellt, dass „die Stadtreparaturabsicht, Wiederherstellung des Straßenraumes und Abdeckung von Brandwänden, erreicht werden, ohne dass auf die Mittel einer harmlos-harmonischen Einfügungs- und Anpassungsarchitektur zurückgegriffen wird.“[GPI/I 24.04.83]

Wettbewerbsbeitrag für den internationalen engeren Wettbewerb „Wohnen und Arbeiten in der Südlichen Friedrichstadt“ Kochstraße/Friedrichstraße, Eisenman/Robertson, 1981; Quelle: Landesarchiv Berlin

1983 bis 1984 Durchführung der Bürgerbeteiligung und Abstimmung mit Bezirk und Sen.Stadt.Um. Ein Änderungsvorschlag von Eisenman/Robertson vom 01. Feb. 1984 zeigt erstmals einen dem Endausführung ähnlichen Entwurf. Einvernehmen zu Änderung des Flächennutzungsplans mit der Bezirksverordneten-versammlung am 07.03.1984.[Drucksache Nr. 973] Überarbeitung des Entwurfs Stand 06.04.84 durch die Kontaktarchitekten Grötzebach, Plessow, Ehlers für Baueingabe. Das Bezirksamt besteht auf 11 Wohnungen für Altenwohnungen als Baulast.[Vermerk 10.12.1984]

Keine Zustimmung im Ausschuss für die Beratung von Bebauungsplänen zum Projekt Eisenman wegen Ablehnung der „Offenhalten der Lücke“ zur nördlichen Bebauung. [Protokoll 24. Jan 1985] Erteilung der Baugenehmigung Nr. 5398, 28.02.1985 nach Ergänzung der Planung mit einen nördlichen Bauteil, der die Lücke Schließt und der Fassade der Nachbarbebauung angeglichen wird. Baufertigstellung 1986

Wohn- und Geschäftshaus mit Mauer-Museum „Haus am Checkpoint Charlie“, Ecke zur Rudi-Dutschke-Straße, Zustand November 2010, Foto: Andreas Salgo

Authentizität, Erhaltungszustand:
Das Bauwerk ist in seiner Baustruktur und im Erscheinungsbild erhalten. Es wurden geringfügige, modernisierende Veränderungen in den Museumsräumen durchgeführt.

Wohn- und Geschäftshaus mit Mauer-Museum „Haus am Checkpoint Charlie“, Details der Fassade Friedrichstraße, Zustand November 2010, Foto: Andreas Salgo

Die Verfasser:
Peter Eisenman zählt zu den innovativsten Architekten und Theoretiker der letzten 30 Jahre. Er wurde am 11. August 1932 in Newark, New Jersey, USA geboren. Eisenman gehörte neben Michael Graves, Charles Gwathmey, John Hejduk und Richard Meier zur Architektengruppe „the New York Five “, auch als „the Whites“ bekannt (als opponierende Theoretiker zur „the Grays“ genannten Gruppe in Yale mit Bob Stern, Charles Moore u.a.). Ihre Arbeiten wurden erstmals auf der „CASE “ (Conference of Architects for the Study of the Environment) Konferenz 1967 gezeigt, zu dessen Initiatoren Eisenman gehörte. Sie erlangten durch eine Ausstellung im Museum of Modern Art in New York, USA 1972 internationale Bekanntheit. 1980 gründete Eisenman zusammen mit J.T. Robertson das gemeinsame Architekturbüro Eisenman/Robertson, das bis 1987 bestand. Jacquelin T. Robertson wurde Richmond, Virginia geboren (ca. 1930, Datum unbekannt). Im gleichen Zeitraum wie das gemeinsame Büro bestand war J.T. Robertson Rektor an der University of Virginia School of Architecture, USA.

Peter Eisenman hat den Louis I. Kahn Lehrstuhl für Architektur an der Yale University, USA und den Irvin S. Chanin Lehrstuhl an der Cooper Union, USA inne. Zu seinen bekanntest Werken zählen das „House II“ in Vermont, USA 1969–70 und das „Denkmal für ermordeten Juden Europas“, Berlin 1998–2005. Das Wohngebäude Kochstraße Ecke Friedrichstraße ist, nach den zwei Einfamilienhäusern „House II“ und „House VI“, das erste größere Bauprojekt des Verfassers. Bei seinen theoretischen Arbeiten befasste sich Eisenman u.a.  mit dem Werk von Giuseppe Terragni.

Wohn- und Geschäftshaus mit Mauer-Museum „Haus am Checkpoint Charlie“, Hofseite, Zustand November 2010, Foto: Andreas Salgo

Literatur:

• The Architectural Review, S. 66, September 1984.

• AA files, No 15, S. 91, 1987.

• Akten des IBA-Archiv im Landesarchiv Berlin, B Rep 168, Laufende Nr.: 1542, 1543.

• Bauakten im Bezirksamt Kreuzberg.

• Bauausstellung Berlin GmbH (Hrsg.): Wohnen und Arbeiten in der Südlichen Friedrichstadt, Internationaler engerer Wettbewerb, Kochstraße / Friedrichstraße, Berlin, 1980.

• Bauausstellung Berlin GmbH (Hrsg.): Idee, Prozeß, Ergebnis. Die Reparatur und Rekonstruktion der Stadt. Internationale Bauausstellung Berlin 1987. Berlin, 1984.

• Bedart, Jean-Francois (Hrsg.): Cities of Artificial Excavation, the work of Peter Eisenman 1978-88, New York, 1994

• Kleihues, J. P. (Hrsg.): Die Neubaugebiete – Heft 7 – die Projekte. Internationale Bauausstellung Berlin 1984/87. Berlin, 1993.

• Oechslin, W. (Hrsg.): Peter Eisenman, Die Formale Grundlegung der Modernen Architektur, gta Verlag, Zürich, 2005.

• Eisenman, P.: Eisenman inside out – selected writings 1963/1988, Yale University Press, New Haven, 2004.