Wohnanlage am Mendelssohn-Bartholdy-Park, Block 7Beitrag von Swantje Eggert

• Lage: Dessauer Straße 22–23, 25–26a, Schöneberger Straße 5–13, Hafenplatz 1–3, 10963 Berlin-Kreuzberg
• Bauzeit: 1987–90
• Architekten: Haus-Rucker-Co, Nalbach+Nalbach, Kohlmaier und v. Sartory, Josef Paul Kleihues
• Gartengestaltung: Cornelia Müller, Jan Wehberg, Elmar Knippschild, Berlin
• Bauherr: R+W, Immobilienfonds

Städtebauliche Ausgangssituation unmittelbar vor den IBA-Planungen

Am Anfang des 19. Jahrhunderts lag das Gelände des heutigen Mendelssohn-Bartholdy-Parks mit angrenzender Bebauung am „Schafgraben“, der die Grenze zur Friedrichstadt bildete. Durch die Anlegung des Landwehrkanals, der 1850 eingeweiht wurde, entstand hier eine provisorische Schiffswendestelle. 1852 wurde sie zu einem Hafenbecken ausgehoben und durch Gleisanlagen mit dem Anhalterbahnhofsgelände verbunden. Das Becken hatte das Abmaß von 130m x 90m und hat die Platzsituation sehr geprägt. Der Hafenplatz entwickelte sich zu einem bedeutenden Umschlagplatz für Ziegelsteine. An seiner Platzrandbebauung wurde das „Maurische Haus“ errichtet, das in seiner Baukunst durch die ziegelsichtige Fassade dieser Bedeutung des Platzes Rechnung trug. Das 1856–57 erbaute Wohnhaus in Berlin, das sogenannte „Maurische Haus“ von Karl von Diebitsch, brachte durch dessen Bauweise an diesen Platz Architektur im orientalischen Stil. Die Bebauung des Blockrandes zum Hafenplatz war geprägt durch bürgerliche mehrgeschossige Wohnhäuser mit repräsentativen Schmuckfassaden.

Bis zur Jahrhundertwende war die städtebauliche Situation der südlichen Friedrichstadt vorwiegend durch Wohnbauten in Randbebauung geprägt. Ab 1900 verschwanden Wohnbauten und Kleingewerbe zum großen Teil im nördlichen Bereich des Blocks Askanischer Platz/Schöneberger Straße/ Hafenplatz/Dessauer Straße. Es entstanden immer mehr   Dienstleistungs-, Verwaltungs- und Kulturbauten. Die im südlichen Bereich zum Hafenplatz gelegene Bebauung blieb als Wohnbebauung bestehen. Das Stadtbild der Wohn- und Gewerbeblöcke wurde eingerahmt von den zwei Gleisanlagen mit den Bahnhofsgebäuden des Anhalter Bahnhofs und des Potsdamer Güterbahnhofs und dem Schöneberger Hafenbecken. Das architektonische Gesamtbild der Bebauung zwischen Anhalter Bahnhof und Potsdamer Güterbahnhof blieb weitgehend unverändert.

Am Ende des zweiten Weltkrieges wurde die südliche Friedrichstadt stark zerstört. Das Gebiet des Blocks 7 war zum größten Teil aufgrund der starken Zerstörung  geräumt worden. Als singuläre Bauwerke blieben Dessauer Straße 24 und Dessauer Straße 28/29 und als nördliche Begrenzung die Brandwand der Schöneberger Straße 3 erhalten. Nach dem zweiten Weltkrieg entstand am Schöneberger Hafen eine der größten Trümmerverwertungsanlagen von Berlin. Durch den Ausbau des Westhafens verlor der Schöneberger Hafen zunehmend an Bedeutung. Das Hafenbecken wurde 1960 mit Sand aus dem U-Bahnbau zugeschüttet und es entstand dort zwischen 1961 und 1967 der Mendelssohn-Bartholdy-Park.

Bauteil Schöneberger Straße 5, Josef Paul Kleihues, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Bauteil Schöneberger Straße 5, Josef Paul Kleihues, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Planungsgeschichte und Demonstrationsziel

Im Jahr 1983 wurden Demonstrationsziele[vgl. LA B Rep.168, 1425.] formuliert, die die städtebauliche Neuformulierung der Blockränder mit innerstädtischem Wohnungsbau mit Betonung der alten Stadtkante im südlichen Blockteil forderten. Die Traufhöhe soll der vorhandenen angepasst werden unter Beibehaltung der alten Geschoßzahlen zur Straßenseite, eine Rehabilitierung des Stadtbildes der Vorkriegszeit. Die städtischen grünen Verbindungsräume im Blockinnenraum sollen in die Planung eingeschlossen werden, ebenso ein Grünzug für die Blockdurchquerung zu den benachbarten Wohnquartieren und Parks. Dadurch soll ein ruhiges Wohnhofgrün geschaffen werden.
Die bauliche Definition des Block-Innenraums soll als Abfolge von ineinander übergehenden Grünflächen und Höfen verstanden werden. Es soll eine passive Energieeinsparung wie Wintergärten, innere Speichermassen, Grundlastheizung auf niedrigem Niveau und sensibel reagierende Spitzenlastheizung mit eingeplant werden. Als aktive Energiegewinnung sollen Solardächer für Gebrauchswasser dienen. Die keilförmige Ausrichtung des Blockes mit der Spitze nach Süden eignet sich in besonderem Masse für dieses Demonstrationsziel. Die Baukosten können durch Teilfertigstellung des Innenausbaus und einer Fertigstellung durch Eigeninitiative gemindert werden.[vgl. LA B Rep.168, 1425.]

Im Vordergrund der Demonstrationsziele stand die städtebauliche Rekonstruktion des innerstädtischen Wohnblocks und die Wiederaufnahme der alten Stadtkante zum Hafenplatz hin. Das städtische Wohnen im Grünen am Mendelssohn-Bartholdy-Park war ein Ziel, das ausreichend beachtet werden sollte und zudem die begrünte Durchwegung des Blocks zu den Nachbarblocks diesen Charakter unterstützen würde. Die Mietergärten und begrünte Spiel- und Freiflächen im Innenhof sollten den Freiraum zusätzlich prägen. Durch Schaffung von einem erhöhten Anteil an Großwohnungen sollte familienfreundliches Wohnen ermöglicht werden, ebenso durch die Nähe zu der neu entstehenden Kindertagesstätte. Rollstuhlgerechte Wohnungen sollten berücksichtigt werden.[vgl.IBA Berlin Projektübersicht, S.108.] 1985 werden die Durchführungsverträge zwischen dem Land Berlin und der DeWeGo zu Block 7 geschlossen und die Verträge mit den Architekten Nalbach+Nalbach, Kohlmaier und  v. Sartory, Haus-Rucker-Co. abgeschlossen.[vgl. LA B Rep.168,1427.]

Bauteil Schöneberger Straße 9–12, Haus-Rucker-Co, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Bauteil Schöneberger Straße 9–12, Haus-Rucker-Co, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Städtebauliche und architektonische Lösung zur Erreichung des Demonstrationsziels

Der Block 7 befindet sich im innerstädtischen Kerngebiet der südlichen Friedrichstadt.
Vor dem II. Weltkrieg grenzte er an den großen Verkehrsknotenpunkt Anhalter Bahnhof und direkt an den Schöneberger Hafen. Von einer ehemals dichten und häufig viergeschossigen Bebauung ist nur noch eine kleine Ansammlung von Gewerbehöfen und solitär stehende Wohnhäuser im südlichen Teil des Blocks nach der Kriegszerstörung erhalten geblieben. Im nördlichen Teil zur Bernburger Straße und zum Askanischen Platz hin, ist weit mehr Bausubstanz verblieben. Diese bildet die Grenze an den zu bebauenden Teil des Blocks 7. Die gesamten Straßenkanten waren jedoch trotz der Brachlandstruktur noch klar zu erkennen. Im südlichen Bereich wird der Block durch den Mendelssohn-Bartholdy-Park mit dem dahinterliegenden Landwehrkanal begrenzt, diese Stadtkante war vor dem II.WK mit Gebäuden aus der Gründerzeit bebaut.

Bei Neugestaltung und Nutzung des Blocks 7 wird die Priorität auf den Wohnungsbau gelegt, da der nördliche Teil von überwiegend Gewerbeeinrichtungen genutzt wird. Das entspricht  dem historischen Vorbild des Blocks. Dem Block 7 kommt innerhalb des Wohnviertels der Friedrichvorstadt eine besondere Bedeutung zu, da er ein Verbindungsglied zwischen dem Mendelssohn-Bartholdy-Park und den Blöcken 6, 1 und 14 darstellt. Der neu errichtete hohe Anteil von Wohnungen fördert mit seinen Wohnfolgeeinrichtungen die Mischung von Gewerbe und Wohnen. Einer Monofunktionalität des Bereiches wird so entgegengewirkt.[vgl. LA B Rep.168, 1425.]

Der am 26.3.1985 aufgestellte Bebauungsplan VI- 150h weist für das Gebiet des Blocks 7 den nördlichen Teil als Kerngebiet mit V/0,6 und GFZ 2,4 aus und den südlichen Teil (Block 7) als allgemeines Wohngebiet mit V/1,8 aus.[vgl. LA B Rep.168, 1430.] Während die Randbebauung im südlichen Bereich eine Geschoßzahl V nachweist, gilt für die Kindertagesstätte am Fanny-Hensel-Weg im Innenhofbereich eine zweigeschossige Bauweise. An die  Brandmauer des historischen Gebäudes der Nr.3 bildet nördlich das bogenförmig gestaltete Wohnhaus `Bauteil Kleihues´ den Anschluss des Blocks 7. An der Blockkante der Schöneberger Straße schließt sich auf der anderen Seite des Fanny-Hensel-Wegs der Wohnbau von Haus-Rucker-Co in fünfgeschossiger Bauweise an. Die Hafenplatzbebauung ist ein Wohnbau der Architekten Kohlmaier u.v.Sartory, der sich in einem geschwungenen Bogen an die Blockkante des Hafenplatzes legt. Der fünfgeschossige Wohnbau ist in seiner Ansicht geprägt von Sichtmauerwerk und einem Raster von gesprossten Fensteranlagen, durchbrochen von kleinen Balkonen.

Bauteil Dessauer Straße 25a/b, Schöneberger Straße 8a/b, Nalbach+Nalbach, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Bauteil Dessauer Straße 25a/b, Schöneberger Straße 8a/b, Nalbach+Nalbach, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

In der Dessauer Straße befindet sich neben dem Eckgebäude von Kohlmaier/v. Sartory der Wohnbau von Nalbach+Nalbach, dessen achsensymmetrische Ansicht durch klar strukturierte Fensteranlagen geprägt ist. Ein besonderes Merkmal in der Fassade bildet ein trapezförmiges Dach über dem Aufzugs- und Treppenhaus. Das anschließende Gebäude von Haus-Rucker-Co nimmt die Mauerwerksfassade von der Hafenplatzbebauung wieder auf und hat eine klare Struktur durch die lochfassadenartigen Fensteröffnungen. Das Eckhaus Dessauer Straße 25–26a ist ebenfalls von  Nalbach+Nalbach. Es nimmt die Elemente der anderen Bauten, Sichtmauerwerk und weiße Putzflächen auf. Der dem Eckhaus anschließende Fanny-Hensel-Weg öffnet den Blick auf die Kindertagesstätte des Architekten P. Brinkert. Die im Sichtmauerwerk integrierten blauen Steinreihen sind optisch eine Adaption an die blauen Strukturelemente bei den Bauten am Hafenplatz.

Die Demonstrationsziele der IBA sind im Block 7 größtenteils umgesetzt worden. Die städtebauliche Rekonstruktion eines innerstädtischen Wohnblocks und die Neufassung der Stadtkante zum Hafenplatz sind klar erkennbar. Die Durchwegung des Innenhofs ist immer noch möglich und dabei ist der Bereich des Spielplatzes mit seiner Bepflanzung und den Mietergärten in der Atmosphäre des Hofes prägend. Die unterschiedlichen Wohngrößen ermöglichen familienfreundliches Wohnen. Das Energiesparkonzept sind in den Bauten des Blockes 7 umfangreich durch Einplanung von Wintergärten umgesetzt worden. In der Grundrisslösung wurde teilweise darauf geachtet, dass Zimmertüren im Flurbereich so angeordnet sind, dass sie gegenüberliegend bei geöffnetem Zustand eine Licht- bzw. Sonnendurchflutung der Wohnung möglich macht. Die Nähe der Kindertagesstätte und der Grundschule in der Schöneberger Straße bieten eine hohe Wohnqualität für anwohnende Familien. Durch die Aufnahme von kleinen wiederkehrenden Fassadendetails bei den Gebäuden des  Blocks 7,  wie Sichtmauerwerk, klare Fensterstrukturen, blaue Elemente und weiße Putzflächen entsteht der Eindruck eines gemeinsamen Baustils und ermöglicht eine optische Einordnung in eine gleiche Bauphase. Der Kleihues-Bauteil setzt sich dabei vom Gesamtbild klar ab und ist von der Ansicht her nicht mit ins Gesamtbild des Blocks 7 integriert.

Kindertagesstätte Schöneberger Straße 8–10, Peter Brinkert, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Kindertagesstätte Schöneberger Straße 8–10, Peter Brinkert, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Literatur und Quellen:

• Landesarchiv  Berlin , IBA-Archiv, Block 7: Nrn. 425–427, 708, 1005–1011, 1425–1435 zum Block 7. IBA Archiv.

• Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin, ,Amt für Stadtplanung, Vermessung und Bauaufsicht,  Bauaktenkammer, Bauakten zum Block 7.

• Internationaler engerer Wettbewerb, Berlin Südl. Friedrichstadt, Mai 1981, Vorbemerkungen.

www.collections.europeanalocal.de (Abgeordnetenhaus von Berlin, Plenarprotokoll 7/101 14. 12. 78, Ristock).

• Internationale Bauausstellung Berlin 1987 – Projektübersicht.

www.kulturstiftung.de/publikationen/arsprototo/ausgaben/2-2011/der-traum-vom-orient

http://www2.uni-wuppertal.de/FB5-Hofaue/Brock/Projekte/Lehrpfad/Station5.html

www.stadtentwicklung.berlin.de/planen

http://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/aktuelles/pressemitteilungen/archiv/20100426.1130.293363.html

http://www.berliner-mieterverein.de/magazin/online/mm0411/hauptmm.htm?

http://www.berliner-mieterverein.de/magazin/online/mm0411/041110a.htm

Von links nach rechts: Dessauer Straße 23a (Haus-Rucker-Co.), Dessauer Straße 23 (Nalbach+Nalbach), Dessauer Straße 22, Hafenplatz 1–3 (Georg Kohlmaier/Barna von Sartory), Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Von links nach rechts: Dessauer Straße 23a (Haus-Rucker-Co.), Dessauer Straße 23 (Nalbach+Nalbach), Dessauer Straße 22, Hafenplatz 1–3 (Georg Kohlmaier/Barna von Sartory), Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack