Wohnen an der Grünpassage "Stresemann-Mews"Beitrag von Marina Bereri und Tina Kühn

• Lage: Friedrichshain-Kreuzberg, Kreuzberg, Südliche Friedrichstadt, Block 19, Wilhelmstraße 131/136–139, Stresemannstraße 38/42–46
• Bauzeit: Bauzeit 1988–90 (Blockrandbebauung), 1989–91 (Zeilenbau)
• Funktion: Wohnungsbau und Gewerbe
• Bauherr: Haberent Grundstücks GmbH (Projektteil Nord)
• Architekten: Jasper Halfmann und Klaus Zillich (Zeilenbau); Helge Bofinger und Partner, Olaf Gibbins, Jochen Bultmann und Partner (Blockrandbebauung)

1. Städtebauliche Ausgangssituation unmittelbar vor den IBA-Planungen
Der weitläufige Block 19 in der südlichen Friedrichstadt erstreckt sich auf einem dreieckigen Bereich zwischen Hedemannstraße, Stresemannstraße und Wilhelmstraße und war nicht durch Querstraßen verbunden. Während der Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg wurde das Quartier fast vollständig zerstört, womit die Blockgrenzen verschwanden. Unmittelbar vor den IBA-Planungen wies der Block nur noch sehr wenige Altbauten auf – den größten Teil prägten mehrgeschossige Nachkriegsbauten und die Nutzung als Schrottplatz.

Perspektive auf das Gelände Juni 1989; Quelle: Landesarchiv, 308952

Perspektive auf das Gelände Juni 1989; Quelle: Landesarchiv, 308952

2. Historische Struktur des Bereiches, der ggfs. für die „kritische Rekonstruktion“ oder die „Stadtreparatur“ zu Grunde gelegt wurde
Die historische Struktur des Bereiches war vor den Zerstörungen weitgehend durch feste Blockstrukturen gekennzeichnet. Blockrandbebauungen, Seitenflügel und Hinterhöfe charakterisierten die südliche Friedrichstadt, die sich durch die Nutzung von Gewerbe und Wohnen zu einem Mischgebiet entwickelt hatte.

3. Demonstrationsziel und Planungsgeschichte
Oberstes Demonstrationsziel der IBA-Planungen war die Wiederherstellung der Straßenräume und Blockgrenzen. Dabei galt es die umliegenden Altbauten mit neuen Gebäudeteilen zu ergänzen. Der innen liegende Blockbereich sollte durch eine Grünpassage und niedrige Zeilenbauten mit einem Durchgang von Stresemann- und Wilhelmstraße aufgelöst werden. Ein weiteres Ziel war die ökologisch sinnvolle Gestaltung in Architektur, Materialauswahl und Haustechnik. Eine duale Heiztechnik, die durch passive Solarenergiegewinnung und Wärmespeicher sowie durch Gas funktionierte, bestimmt die Architektur. Eine Mischung unterschiedlichster Nutzungen, Bewohnergruppen und verschiedener Wohnungsgrößen sollte den Block charakterisieren. Wichtig beim Konzept war zudem die barrierefreie Gestaltung der Wohnungen.

Im Jahr 1981 fand ein internationaler, engerer Wettbewerb zur Wilhelmstraße statt, woraufhin die 2. Preisträger Jaspar Halfmann (geboren 1941) und Klaus Zillich (Lebensdaten unbekannt) ihr Blockkonzept weiter bearbeiteten konnten. Nach der Einarbeitung des städtebaulichen Entwurfes in den Bebauungsplan wurde 1988 mit dem Bau des Blockrandes begonnen. 1990 erfolgten die Fertigstellung und der Baubeginn der Zeile im Inneren des Blocks. Die geplante Südzeile wurde nicht errichtet, da das geplante Konzept vom Bezirk abgelehnt worden ist.

Wohnen an der Grünpassage "Stresemann-Mews", Ansicht von Südosten, Zustand Dezember 2011; Foto: Tina Kühn

Wohnen an der Grünpassage „Stresemann-Mews“, Ansicht von Südosten, Zustand Dezember 2011; Foto: Tina Kühn

4. Städtebauliche und architektonische Lösung zur Erreichung des Demonstrationszieles
Im dem zwischen den Jahren 1988 bis 1991 errichteten Gebäude des Blockes 19 entstanden insgesamt 99 Wohnungen. Diese verteilen sich auf zwei Bauten. Entlang der Stresemannstraße wurde der einstige Blockrand mit einem Entwurf des Architekturbüros Helge Bofinger und Partner geschlossen. Den 6-geschossigen Bau charakterisiert zur Straßenseite in den oberen Geschossen eine halbrund nach innen gewölbte Glasfassade. Das unterste sowie das oberste Geschoss verlaufen dagegen mit dem Straßenverlauf und sind rosa verputzt. Mit dem Bau, der mit einem Flachdach nach oben abschließt, wird gleichzeitig der nördlich anschließende Brandgiebel verdeckt sowie der Übergang zum Zeilenbau hergestellt.

Quer zu den blockbegrenzenden Straßen und sich einem Grünzug im Blockinneren öffnend befindet sich der Zeilenbau, der von Jasper Halfmann und Klaus Zillich entworfen wurde. Der Baublock wird an dieser Stelle geöffnet und öffentlich nutzbar. Die 4-geschossige Zeile bleibt allerdings ein städtebauliches Fragment, da der südliche Teil nicht zur Ausführung kam. So verweist auch der Name „Stresemann-Mews“ auf das Konzept eines ausgebauten Hofes. Das lang gestreckte Gebäude besitzt an der Fassade hervorspringende, mit einer Glasfassade gewölbte Wintergärten, wobei das oberste Geschoss als Staffelgeschoss ausgebildet ist und mit einem Flachdach abschließt. Ein blauer Putz gibt dem Bau eine markante Farbigkeit und lässt ihn zusammen mit den regelmäßigen Treppenhausverglasungen und Fenstern sachlich erscheinen. Im Inneren des Gebäudes haben die Architekten unterschiedlichste Wohnungsgrundrisse gestaltet, die teilweise über drei Etagen reichen. Die Haupterschließung erfolgt von der Rückseite, der der Mews abgewandten Seite, und über einen Arkadengang. Die Grünpassage dagegen ist ein halböffentlicher Hof, der den Bewohnern Vorgarten und Spielplatz wie auch den Bewohnern des Quartiers Grünzug und Durchgang gleichzeitig ist.

5. Bau oder Stadtraum in seiner heutigen Erscheinung

Südfassade mit Grünpassage, Zustand Dezember 2011; Foto: Tina Kühn

Südfassade mit Grünpassage, Zustand Dezember 2011; Foto: Tina Kühn

Südfassade der Zeile, Zustand Dezember 2011; Foto: Tina Kühn

Südfassade der Zeile, Zustand Dezember 2011; Foto: Tina Kühn

Nordfassade der Zeile, Zustand Dezember 2011; Foto: Tina Kühn

Nordfassade der Zeile, Zustand Dezember 2011; Foto: Tina Kühn

Block Stresemannstraße, Zustand Dezember 2011; Foto: Tina Kühn

Block Stresemannstraße, Zustand Dezember 2011; Foto: Tina Kühn

Quellen:

•    Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Bauaktenkammer, Altakte Stresemannstraße 40–46, Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses mit 14 Whg. und 2 Läden im EG, Vorbescheid, Stellungnahmen, Block 2, Band 1.

•    Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, Bauaktenkammer, Altakte Stresemannstraße 42–44, 2. Bauantrag, Baugenehmigung, Band 13.

•    A+U Extra Edition, International Building Exhibition Berlin 1987, 1987, Band 1.

•    Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen Berlin: Internationale Bauausstellung Berlin 1987. Projektübersicht, Berlin 1991.

•    Schäche, Wolfgang: Architekturführer Berlin, Berlin 2001.

•    Braun, Markus Sebastian (Hrsg.): Berlin. Der Architekturführer, 2005 Berlin.

Quellen aus Landesarchiv:
•    B Rep. 168_IBA Nr. 1457: Block 19 gesamt: Spitze, Spiel, Bebauungsplan, Schriftverkehr, Pläne, Projektbeschreibung.
•    B Rep. 168_IBA Nr. 1458: Pläne Block 19.
•    B Rep. 168_IBA Nr. 1459: Block 19 Pläne, Nutzungsberechnungen, Schriftenverkehr von Haberent Grundstücks GmbH, Energiekonzept, Erbbaurechtvertrag, Feinprogramm.
•    B Rep. 168_IBA Nr. 1460: Block 19, Pläne, Schriftverkehr von Haberent Grundstücks GmbH.
•    B Rep. 168_IBA Nr. 1461: Block 19 Nord Nutzungsberechnungen, Pläne.

Wohnen an der Grünpassage "Stresemann-Mews", Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Wohnen an der Grünpassage „Stresemann-Mews“, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack