Wohnhof Block 2Beitrag von Corinna Tell

• Lage: Dessauer Straße 34–40, Stresemannstraße 93/95 und 105–109, Bernburger Straße 6–9, 10963 Berlin-Kreuzberg
• Bauzeit: Planungs- und Entwurfsseminar 1986, Konzeptüberarbeitung 1988, Baubeginn 1990, Baufertigstellung 1993
• Architekten: Los 1: Zaha Hadid, Stefan Schroth, Los 2: Myra Warhaftig, Los 3: Christine Jachmann, Lose 4 und 5: WADECO Warsaw Development Consortio (Romuald Loegler), Los 6: Peter Blake, Moritz Müller
• Gartengestaltung: Hannelore Kossel
• Bauherr: DEGEWO

Allgemeine Zuordnung:
Das Objekt ist ein Neubauprojekt der Internationalen Bauausstellung Berlin 1987 (IBA 87) im Demonstrationsgebiet Südliche Friedrichstadt (zu Spezifika Südliche Friedrichstadt siehe allgemeinen Erläuterungstext). Nachdem für das Gelände 1981 Vorplanungen liefen, bei denen ein Beitrag von Frei Otto zum ökologischen Bauen entstehen sollte, welcher für 1984 geplant war,[1] wurde es später für die Demonstration frauenspezifischer Belange festgelegt.[2] Das Gelände war weitestgehend Brachfläche. Noch vorhanden war die St. Lukas-Kirche auf der Bernburger Straße, die im Zweiten Weltkrieg zu 48% zerstört worden war und 1854 wieder aufgebaut wurde. Sie sollte in die Planungen einbezogen werden. Auf einer Grundstücksfläche von 5.817 m² entstanden 3.204 m² überbaute Fläche.

Bauplatz vor der Neugestaltung im Rahmen der IBA 87; Quelle: LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1437, Aufnahmen vor 1986

Bauplatz vor der Neugestaltung im Rahmen der IBA 87; Quelle: LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1437, Aufnahmen vor 1986

Wettbewerb:
1981 erstellten Ungers und Faskel eine städtebauliche Studie für die Friedrichvorstadt, 1984 folgte ein Gutachten zu frauenspezifischen Belangen in der Architektur und Stadtplanung. Am 10. Dezember 1985 erstellte Günter Schlusche von der IBA ein Feinprogramm für den Block 2, in dem bereits Myra Warhaftig und Zaha Hadid als Architektinnen gewünscht waren,[3] somit stand für diesen Bereich als Demonstrationsziel die Umsetzung frauenspezifischer Belange fest.
Zwischenzeitlich kam jedoch der Wunsch auf, auf dem Gebiet den Beitrag der polnischen Architekten für die IBA zu verwirklichen. Am 15. April 1986 fand im IBA-Haus ein Entwurfsseminar für eingeladene Mitglieder des polnischen Architektenverbandes SARP statt. Die Teilnehmer bestanden aus fünf Teams: 1) Wojciech Dobrzanski und Romuald Loeger, 2) Wojciech Kosinski und Andry Wyzykowski, 3) Stanislaw Denko und Robert Kuzianik, 4) Krzyszkof Lenartowicz und Jacek Czekaj, 5) Daniel Karpinski und Wojciech Obtulowicz.[4] Daraufhin kam es zu massiven Protesten der Frauenbewegung. Die FOPA (Femministische Organisation von Planerinnen und Architektinnen) und Zaha Hadid äußerten sich in der Presse kritisch über den Frauenblock, dessen Architekten eine Männerjuri wählen und der von Männern gebaut werden sollte. Die IBA lenkte ein und lies die FOPA am 10.07.1986 einen beschränkten Wettbewerb ausschreiben und ein erneutes Gutachten zu frauenspezifischem Bauen erstellen.
Ein Werkstattgespräch und zwei Seminare im Juli 1986 sollten zur Klärung des Bearbeitungsschwerpunktes „emanzipatorisches Wohnen“ beitragen.[5] Im Dezember 1986 wurde die Arbeitsgemeinschaft ökologischer Stadtumbau mit der Erstellung eines Kataloges zu ökologischen Maßnahmen für die Wohnbebauung Stresemannstraße, Dessauer Straße, Bernburger Straße beauftragt.[6] Die AG führte als Folge der Untersuchung 1987 ein ökologisches Seminar für die planenden Architekten des Blocks 2 durch.[7] Die empfohlene Gestaltung der Spielbereiche für Kinder als Erfahrungsfelder wurde umgesetzt und führte zu einer besonderen Gestaltung der Innenhöfe. Es entstanden Gebüsche zum Verstecken sowie Wasser- und Sandstellen.

Baubeschreibung:
Planungsschwerpunkte:
Emanzipatorisches Wohnen und experimentelle Wohnformen, 12 behindertengerechte Wohnungen, umweltfreundliche Rohstoffe und energieschonende Bauweise.[8]
Städtebauliches Konzept:
„Das städtebauliche Konzept sieht eine 4-geschossige, zu einem Block mit drei ausgebildeten Innenhöfen verbundene Bebauung zwischen Stresemannstraße, Dessauer Straße und Bernburger Straße mit einer deutlichen 8-geschossigen Eckausbildung an der Stresemannstraße/Dessauer Straße vor. Die Anlage wird ergänzt durch einen die Baulücken zur St. Lukas-Kirche und zum Hervis-Hotel schließenden 4- bzw. 3-geschossigen Baukörper.“[9]

Los 1: Zaha Hadid
Stresemannstraße 105–109 – erbaut 1993–94

Wohnhaus Stresemannstraße 105–109, Zaha Hadid, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Wohnhaus Stresemannstraße 105–109, Zaha Hadid, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Das Objekt in der Stresemannstraße 105–109 besteht aus zwei ineinander geschobenen Baukörpern auf einem gemeinsamen, gläsernen, der Fassadenschlucht zurückgesetzten Erdgeschosssockel. Ein flacher zweigeschossiger Längstbau, durch Fensterbänder stark horizontal gegliedert, kragt im Osten über das Sockelgeschoss hinaus. Zwei nach unten verjüngte Betonstützen tragen die Auskragung. Hier wird die Einfahrt zur Tiefgarage überfangen. Westlich des Längstbaus erhebt sich eine Hochhausscheibe, die schräg in den Bau hineingestellt ist. Sie schiebt sich hinter eine weitere Scheibe, welche spitz in die Stresemannstraße hineinragt. An der Nordfassade ist diese Scheibe mit Naturstein auf einer Alukonstruktion ausgerüstet. An der Südfassade verglast. Verbunden sind beide Scheiben durch einen an der Südfassade nur marginal wahrnehmbaren Fahrstuhlschacht, der hinter Glasbausteinen verschwindet.

Fassadenansicht Stresemannstraße 105–109; Quelle: Bauaktenarchiv Kreuzberg

Fassadenansicht Stresemannstraße 105–109; Quelle: Bauaktenarchiv Kreuzberg

Ganz konträr ist die Wahrnehmung im Hof der Anlage. Hier wird der Schacht durch sein Signalrot als Dreh- und Angelpunkt der Anlage hervorgehoben. Die restlichen Bauteile sind hell verputzt. Zum Hof hin trägt das Gebäude Balkonkonstruktionen aus Aluminium, der Längstbau weist zudem eine Dachterrasse auf. Der Hof ist begrünt und eine Treppenanlage hinter dem Gebäude Stresemannstraße 105–109 gleicht das Gefälle im Gelände aus.

Links Blick in den Durchgang zw. Los 1 und Los 2 (auf der Dessauer Straße), rechts Hofansicht Stresemannstraße 105–109, Zustand 2012; Fotos: Corinna Tell, 2012

Links Blick in den Durchgang zw. Los 1 und Los 2 (auf der Dessauer Straße), rechts Hofansicht Stresemannstraße 105–109, Zustand 2012; Fotos: Corinna Tell, 2012

Aus den Bauakten wird ersichtlich, dass der Senat für dieses Gebäude sechs übereinander liegende behindertengerechte Wohnungen forderte. Dies mag der ausschlaggebende Punkt gewesen sein, den Aufzug als zentralen Punkt des Objektes zu betrachten. Als Leitfaden der IBA zum barrierefreien Bauen diente die Vertragsanlage „Planungs- und ausstattungsspezifische Anforderungen an Wohngebäude mit integrierten behindertengerechten Wohnungen“.[10]

Stresemannstraße 105/107, Ansicht von Osten, Zustand 2012; Foto: Corinna Tell

Stresemannstraße 105/107, Ansicht von Osten, Zustand 2012; Foto: Corinna Tell

Ein schmaler Durchgang bildet die Grenze zum Gebäudekomplex Dessauer Straße. Im Folgenden reihen sich die Lose 2–4 aneinander. Der lange Gebäuderiegel ist durch überbaute Durchgänge in die zugehörigen 4-Seiten-Höfe unterbrochen. Dadurch bleiben die Höfe zwar öffentlich zugänglich, avancieren jedoch zu halböffentlichem Raum, da Sie nicht direkt einsichtig sind. An der Ostseite der Hofbebauung (Bernburger Straße 8/9) werden die Höfe komplett abgeschlossen. Hier befinden sich Garagen.

Grundriss Stresemannstraße 105–109; Quelle: Bauaktenarchiv Kreuzberg

Grundriss Stresemannstraße 105–109; Quelle: Bauaktenarchiv Kreuzberg

Los 2: Myra Warhaftig
Dessauer Straße 38–40 – erbaut 1991–93

Blick auf die Dessauer Straße 38/39, Zustand 2012; Foto: Corinna Tell

Blick auf die Dessauer Straße 38/39, Zustand 2012; Foto: Corinna Tell

Das Los zwei kommt zur Dessauer Straße hin mit einer Ziegelverblendung daher. Der 4-geschossige, 14-achsige Bau weist in der Mitte einen Durchgang auf, über dem Balkone angeordnet sind. Drei Achsen rechts und links neben dem Durchgang sind die Hauseingänge angeordnet. Die Fassade wirkt durch unterschiedlich große Fenster, teilweise mit Sprossen versehen, lebendig. Die Hoffassade ist in ihrer Fensterfront ruhiger.

Blick in den Hof Bernburger Straße 9, Dessauer Straße 40, Zustand 2012; Foto: Corinna Tell

Blick in den Hof Bernburger Straße 9, Dessauer Straße 40, Zustand 2012; Foto: Corinna Tell

Zum Hof haben die EG-Wohnungen kleine Gärtchen mit Terrassen. Das Objekt besteht aus 24 Wohneinheiten unterschiedlicher Größe. Allen Mietern stehen im Kellergeschoss Gemeinschaftsflächen zur Verfügung. So sind ein Gemeinschaftsraum mit einer Kochnische, ein Waschraum sowie Abstell- und Fahrradräume vorhanden. Besonderer Wert wurde auf eine „Wohn-Raum-Küche“ gelegt, die die Fläche des eigentlichen Wohnzimmers übersteigt und Eingang, Ess- und Kochplatz sowie Flurbereiche umfasst.

Entwurf Wohnungsgrundriss Dessauer Straße 38–40, Myra Warhaftig; Quelle: LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1440

Entwurf Wohnungsgrundriss Dessauer Straße 38–40, Myra Warhaftig; Quelle: LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1440

Los 3: Christine Jachmann
Dessauer Straße 36/37, Bernburger Straße 9/9B – erbaut 1991–93

Dessauer Straße 36/37, Zustand 2012; Foto: Gunnar Klack

Dessauer Straße 36/37, Zustand 2012; Foto: Gunnar Klack

Das von Christine Jachmann entworfene Gebäude schließt sich der Ziegelfassade Warhaftigs durch gleiche Materialität in anderem Farbton optisch an. Während das Erdgeschoss in einer Flucht liegt, treten im oberen Bereich drei Achsenverbünde hervor und beleben die Fassade. Jachmann betont stark die Axialität der Fassade, indem sie die großen Fensterflächen des ersten und zweiten Geschosses weiß verblendet. Im Hofinneren sind die Fassaden verputzt. Hier fällt die Vielzahl der Fenster auf, welche sich aus dem Bestreben möglichst helle Räume mit annähernd gleicher Größe zu schaffen, ergibt. Über den Hofeingängen der Gebäude 9A und 9B finden sich aus der Fassade herausgeschobene Loggien, bzw. Erker.

Fassadenansicht Dessauer Straße 34/35; Quelle: Bauaktenarchiv Kreuzberg

Fassadenansicht Dessauer Straße 34/35; Quelle: Bauaktenarchiv Kreuzberg

Insgesamt umfasst der Komplex 26 Wohneinheiten unterschiedlicher Größe. Während Myra Warhaftig max. 5-Zimmer-Wohnungen anbietet, findet man hier 6- und 8-Zimmer-Wohnungen. Die 8-Zimmer-Wohnung mit 333,4 m² war als Sonderwohnform für eine Behinderten-WG gedacht (inwiefern sie als solche genutzt wird ist nicht nachgewiesen). Eine Umnutzung, bzw. Teilung der großen Wohnungen wurde durch Anschluss an zwei Treppenhäuser von vorn herein berücksichtigt. Alle Wohnungen sind mit einem zusätzlichen Hausarbeitsraum ausgestattet.

Grundriss Dessauer Straße 36–40 (Lose 2 und 3); Quelle: Bauaktenarchiv Kreuzberg

Grundriss Dessauer Straße 36–40 (Lose 2 und 3); Quelle: Bauaktenarchiv Kreuzberg

Lose 4 und 5: Romuald Loegler
Dessauer Straße 34/35, Bernburger Straße 7 – erbaut 1991–93

Blick auf die Dessauer Straße 34/35, Zustand 2012; Foto: Corinna Tell

Blick auf die Dessauer Straße 34/35, Zustand 2012; Foto: Corinna Tell

Eine schmale Baunaht leitet über zu dem Bau der polnischen Architektengruppe um Romuald Loegler. Auch hier findet sich das Motiv des Ziegels wieder, allerdings nur noch in schmalen Bändern, die die Fassade wie ein Raster überziehen. Das vierte Geschoss wird von dieser Gliederung ausgenommen und erhebt sich als blau verputztes, mezzaninartiges Gebilde in den Himmel. Die durch die Ziegelbänder entstehende, stark horizontale Gliederung wird durch zwei die Bänder durchbrechende Fensterachsen – im Bereich der Treppenaufgänge – aufgehoben. Die Fenster nehmen ihren Platz jeweils im oberen Bereich eines durch die Ziegelbänder entstandenen Rechtecks auf. Die Wandfläche darunter ist weiß verputzt. Da die Badfenster nur einflügelig und schmal sind, entsteht an dieser Stelle ein etwas höhlenartiger Eindruck. An der Nordfassade ist der Baukörper im Erdgeschoss aufgebrochen und Stützen tragen hier die Obergeschosse, die durch je zwei vorgelagerte Altane in den Fußgängerbereich kragen. Die Erdgeschossfenster sind hochrechteckig und durch zahlreiche Sprossen zerlegt. Während der westliche Vorbau verglast ist und in den Geschossen somit als Loggien fungiert, ist der östliche Vorbau offen gehalten und es sind Balkone ausgebildet. Durch diese Anordnung wirkt der Baukörper an der Bernburger Straße gestaffelt. Es schließt ein längerer Komplex mit schmalen Fensterachsen an. Dieser zieht sich im Osten tief in die Fluchtlinie der Durchfahrt zu den Hinterhäusern 8/9 hinein.

Grundriss Dessauer Straße 34/35, Bernburger Straße 7–9; Quelle: Bauaktenarchiv Kreuzberg

Grundriss Dessauer Straße 34/35, Bernburger Straße 7–9; Quelle: Bauaktenarchiv Kreuzberg

Die Ecklösung ist an der Bernburger Straße mit großen Öffnungen durchbrochen, die Platz für Balkone bieten. Während dieser Komplex – bis auf das vierte Geschoss – ziegelverblendet ist, sind die Fassaden der Bernburger Straße 8/9 verputzt.

Ecke Dessauer Straße, Bernburger Straße, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Ecke Dessauer Straße, Bernburger Straße, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Los 6: Peter Blake
Bernburger Straße 6 – erbaut 1991–93

Neben dem abschüssigen Durchgang erhielt Peter Blake die Aufgabe, die St. Lukas-Kirche in die Blockrandbebauung einzubeziehen. Auf die Diskontinuität des Ortes verweist er durch ein Gebäude durch dessen Mitte ein Riss geht. Die Fassade ist dreigeteilt: rechts und links verglast mit hochrechteckigen Öffnungen, in der Mitte der Eingangsbereich mit darüber liegendem halbrundem und Rundbogenfenster. Der Mittelbereich ist mit Ziegeln verblendet und reicht bis zur Traufe. Im Westen erfährt die Verblendung jedoch plötzlich einen Bruch – sie fällt zackig ab. Die Kontur des Mittelrisalites wird zwar weiter geführt, nun jedoch mit einer grau verputzten Fläche.

Bernburger Straße 6, Peter Blake, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Bernburger Straße 6, Peter Blake, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Inwieweit der Architekt sich mit dieser Darstellungen auf ein früher hier befindliches Gebäude bezieht müsste noch untersucht werden. Das Gebäude schließt sich an den Bestand rein optisch durch ein Satteldach und die Verwendung von Ziegeln an. (Alle anderen IBA-Bauten des Blocks 2 weisen Flachdächer auf.) Allerdings setzt sich das Gebäude auch deutlich als neuer Zutat ab: Die verglaste Front und Glasbausteine zwischen den auf Abstand gehaltenen Brandmauern, machen den Anbau als solchen deutlich.

Außenanlagen: Hannelore Kossel
•    Blockdurchfahrt über 3 Tiefgaragen zu 17 Einzelgaragen (etwa 1,7 m unter Straßenniveau)
•    5 Läden im EG der Bernburger Straße
•    3 Höfe: Zugänge über Wohnhäuser und Durchgänge an allen 3 Straßen, auf Bodenniveau des Hochparterre
•    1 in sich abgeschlossener Garten zur Bernburger Straße 6
•    Dachterrasse im 3. OG Stresemannstraße 105/107/109

Blick in den Hof Bernburger Straße 8, Zustand 2012; Foto: Corinna Tell

Blick in den Hof Bernburger Straße 8, Zustand 2012; Foto: Corinna Tell

Architekten/innen:

Zaha Hadid
Z. Hadid wurde am 31. Oktober 1950 in Bagdad geboren. Sie besuchte zunächst eine Nonnenschule in Bagdad, später Internate in der Schweizer und in England. In Beirut begann sie Mathematik zu studieren, bis sie 1972 in London ihr Architekturstudium aufnahm. Ihr Lehrer Rem Koolhaas übernahm sie nach dem Studium in sein OMA-Office. Sie wurde Mitglied im „Office for Metropolitan Architecture” und gründete 1980 ihr eigenes Büro. Zunächst konzentrierte sie sich stark auf die Lehre und begann in der „Architectural Association“ zu unterrichten. Sie arbeitete am Lehrstuhl der „Graduate School of Design” an der Harvard Universität und nahm Gastprofessuren an der „Hochschule für Bildende Künste“ in Hamburg wahr. Z. Hadid machte sich in den 80er Jahren als Zeichnerin architektonischer Entwürfe einen Namen und war in zahlreichen Architekturgalerien vertreten. Sie stellte 1988 in der Ausstellung „Deconstructivist Architecture“ im Museum of Modern Art aus und avancierte zur gefragten Architekturtheoretikerin. Schon 1983 erregte sie mit dem umgebauten Freizeit- und Erholungspark „The Peak Leisure Club“ an einem Berghang in Hongkong erstmals internationales Aufsehen. Der berufliche Durchbruch gelang ihr jedoch erst 1993 mit der Feuerwache des Vitra-Design-Werks in Weil am Rhein. Es folgten weiter umgesetzte Bauwerke, wie 2003 das Rosenthal Center for Contemporary Arts in Cincinnati, 2004 das BMW-Zentralgebäude in Leipzig (für das sie den deutschen Architekturpreis erhielt), 2005 das Wolfsburger Wissenschafts- und Erlebnismuseum Phaeno, 28. Mai 2010 das MAXXI in Rom. Seither gilt sie auch in praktischer Hinsicht als Stararchitektin. Als erste Frau überhaupt erhielt sie 2004 die weltweit wichtigste Auszeichnung für Architekten, den Pritzker-Preis. Nach wie vor engagiert sie sich für die Lehre, seit 2000 ist sie Professorin am Institut für Architektur an der „Universität für angewandte Kunst“ in Wien und leitet dort das „studio-hadid-vienna“. 2002 nahm sie eine Eero Saarinen Visiting Professorship an der Yale School of Architecture in New Haven (Connecticut) war. Im Jahre 2009 wurde ihr der Praemium Imperiale verliehen. Der Beitrag Hadids zur IBA 87 zählt zu den frühen tatsächlich umgesetzten Werken (1987 begonnen). Es fand Beachtung und wurde in den Fachmedien diskutiert. Gleichwohl spielt es in ihrem heutigen Oeuvre kaum mehr eine Rolle, da es sich im Vergleich zu anderen Projekten zurücknimmt.

Myra Warhaftig
M. Warhaftig, Jg. 1930 studierte zunächst in Haifa (Palästina) Architektur. Nach ihrem Abschluss arbeitet sie in Paris im Büro von Candilis, Josic und Woods, die u.a. die „Rostlaube“ an der FU Berlin realisierten. Sie blieb in Berlin, arbeitete in den 50er und 60er Jahren für Hans Scharoun. In ihrem ersten Buch im Jahre 1969 „Spiel mit den Wohnkuben“ veröffentlichte sie ihre Ideen vom modularem Bauen. Es folgten Forschungen an der TU Berlin. Mit ihrer Dissertation über „Die Behinderung der Emanzipation der Frau durch die Wohnung und die Möglichkeit zur Überwindung“ 1978 stieß sie einen Diskurs zur Umsetzung von Frauen-Bedürfnissen im Wohnungsbau an. Im Rahmen der Neubau-IBA gelang es ihr im oft zitierten Kreuzberger „Block 2“, dieses Wohnungsbauprojekt 1992 zu realisieren. Warhaftig zog selbst in ihren IBA-Bau ein, um die Tauglichkeit für Frauen (sie selbst war alleinerziehende Mutter zweier Kinder) zu testen. Für Warhaftigs Werk und die Umsetzung ihrer Theorie, in der Mann und Frau miteinander und nicht mehr nebeneinander wohnen können, in einem grenzenlosen Lebensraum ohne Flure und fast ohne Türen war das Gebäude der IBA maßgebend.

Berliner Gedenktafel für Myra Warhaftig; Foto: Corinna Tell 2012

Berliner Gedenktafel für Myra Warhaftig; Foto: Corinna Tell 2012

Ab den 90er Jahren widmete sich Warhaftig dann einem neuen Thema: der Historie jüdischer Architekten im Nazideutschland. Ein Forschungsprojekt, dass zu den Werken „Sie legten den Grundstein – Leben und Wirken deutschsprachiger Architekten in Palästina 1918–48., „Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933 – das Lexikon“, kurz „ Der Warhaftig, „They Laid the Foundation: Lives and Works of German-Speaking Jewish Architects in Palestine 1918-1948“ führte. Sie gründete die „Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten“, die auch nach ihrem Tod am 4.3.2008 in ihrem Interesse weiter arbeitet. 2011 wurde an ihrem Wohnhaus eine Tafel im Rahmen des Berliner Gedenktafelprogramms eingeweiht, die auf diesen Standort als herausragendes frühes Beispiel des Bauens von Frauen für Frauen und auf ihr Wirken für die Geschichte jüdischer Architekten im Dritten Reich verweist.

Wohnhaus Dessauer Straße 38/39, Myra Warhaftig, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Wohnhaus Dessauer Straße 38/39, Myra Warhaftig, Zustand Juli 2012; Foto: Gunnar Klack

Christine Jachmann
Offen (????)

Romuald Loegler
Romuald Loegler wurde am 28. Juli 1940 in Soktów (Polen) geboren. Er studierte von 1958 bis 1964 Architektur an der Technischen Hochschule in Krakau. 1973–74 war er im Projektbüro Karl Schwanzer in Wien tätig. Gleichzeitig nahm er Aufträge in Österreich und Skandinavien (1983 Stipendium der finnischen Regierung in Helsinki) wahr. Er gründete mit Jacek Czekaj, Marek Piotrowski und Piotr Drozd eine Arbeitsgemeinschaft. 1985 übernahm er den Vorsitz der Krakauer Abteilung des Polnischen Architektenbundes, den er bis 1991 inne hatte. Er engagierte sich 1985 in der Jury der Internationalen Architektur Biennale in Krakau. Im selben Jahr wurde er Chefredakteur der Zeitschrift „Architekt“, später gründete er die Zeitschrift Architektura & Biznes. 1987 bis 93 verwirklichte er seinen Beitrag zur IBA 87 am Block 2. 1992 wurde er Partner im Architektenbüro L&S Architekten Berlin-Krakau-Helsinki. Sein Schaffen ist v.a. in Krakau präsent, weshalb er 1993 auch den Ehrenpreis der Krakauer Abteilung des Polnischen Architektenbundeserhielt. Ein Jahr später folgte der Ehrenpreis des Polnischen Architektenbundes. Die Ausbildung unterstützt er durch die Annahme von Lehraufträgen und Gastprofessuren u.a. an den Universitäten in Krakow, Darmstadt, Bialystok, Poznan, Lublin und Warschau.

Peter Blake
Peter Blake, wurde am 20. September 1920 unter dem bürgerlichen Namen Peter Jost Blach in Berlin geboren. 1933 begann seine Schulbildung in England, da er als Kind jüdischer Eltern in Deutschland Repressalien ausgesetzt war. Er studierte in London an der University of London und der Regent Street Polytechnic School of Architecture. 1940 emigrierte er in die USA und beendete seine Studien an der University of Pennsylvania in Philadelphia. Nach dem Studium arbeitet er für Louis Kahn. Als er 1944  die U.S.-amerikanische Staatsbürgerschaft bekam, änderte er seinen Namen von Peter Jost Blach in Peter Blake. Er kämpfte für die U.S.-Armee im Zweiten Weltkrieg und gehörte zu den amerikanischen Truppenkontingenten, die in Berlin einmarschierten. 1947 ließ er sich – zusammen mit einer Gruppe von Künstlern, Architekten und Schriftstellern (u.a. Jackson Pollock, Robert Motherwell und Willem De Kooning) – in Long Island nieder. In den Jahren 1948 bis 1950 war Blake Kurator für Architektur und Design am Museum of Modern Art. Er verfasste Bücher und engagierte sich als Autor für die Zeitschrift „Architectural Forum“, bei der er später Chefredakteur  und von 1954–72 Herausgeber war. Nachdem die Zeitschrift ihr Erscheinen einstellen musste, versuchte er noch im selben Jahr mit „Architecture Plus“ eine eigene Zeitschrift auf dem Markt zu etablieren. Doch 1975 musste auch diese ihr Erscheinen einstellen. Von 1958 bis 1961 war er Teilhaber des Architekturbüros P.B. & Julian Neski, Inc., New York und von 1964 bis 1972 James Baker and P.B., Architects. Er war Dekan zweier Universitäten (Boston Architectural Center, School of Architecture; Fakultät für Architektur und Planung an der Catholic University in Washington) und widmete sich nach seiner Emeritierung 1979 und einem Umzug nach Connecticut der Herausgabe von Büchern, Artikeln und Kolumnen für „New York Magazine“ und „Interior Design“. 1993 veröffentlichte er seine Memoiren mit dem Titel: „No Place Like Utopia: Modern Architecture and the Company We Kept“. Peter Blake starb am 5. Dezember 2006 an einer Lungenentzündung. Sein Beitrag zur IBA 87 ist unter dem Aspekt zu betrachten, dass Blake die Nachkriegsmoderne in ihrer Sterilität kritisierte und mit Kritiken wie „Form Follows Fiasco: Why Modern Architecture Hasn’t Worked“ (1977) der Bauwelt die reformerischen Prinzipien der frühen Moderne in Erinnerung rief.

Geschichtliche Bedeutung:

Der Block 2 in der südlichen Friedrichstadt hat eine große historische Bedeutung, da er den Anfang des emanzipatorischen Bauens in der Praxis symbolisiert. Seit den 60er Jahren forderte die sich allmählich formierende Frauenbewegung Änderungen in der von Männern dominierten Architekturbranche. Durch die Dissertation Myra Warhaftigs und ihren Einsatz bei Kleihues, der den Auftrag für Block 2 zur Folge hatte – unterstützt von der emanzipatorischen Frauenvereinigung FOPA – konnten erstmals die Anforderungen moderner Frauen an ihre Wohnungen auf einem breiten öffentlichen Podium diskutiert werden.

Die IBA trug auch dazu bei, dass Architektinnen als Frauen wahrgenommen wurden. Auch, wenn dies nicht immer im Sinne der männlichen Leiter der Ausstellung lag: So schrieb Kleihues 1987 an Hadid, die sich über die IBA-Strukturen in der Bauwelt ausgelassen hatte, „Ich habe Sie und andere Architekten nicht zur IBA eingeladen, weil ich mich mit Ihrer oder deren theoretischer und künstlerischer Auffassung von Architektur identifiziere, sondern weil ich im Sinne eines kritischen Pluralismus den Dialog dieser verschiedenartigen Architekturen als Bereicherung […] angesehen habe.“

Das Gebäude in der Dessauer Straße 38–40 ist von Myra Warhaftig entworfen und zugleich der letzte Wohnort der Architektin gewesen. Sie hat sich in Berlin als Architekturtheoretikerin und –historikerin einen Namen gemacht. Große Achtung verdient ihr Werk über verfolgte jüdische Architekten im Nationalsozialismus. Eine Berliner Gedenktafel an der Dessauer Straße 38–40 erinnert an die historische Bedeutung dieses Ortes, als Wohnort von Myra Warhaftig und als IBA-Beitrag zum emanzipatorischen wohnen.

Die Gebäude von Los 4 und 5 sind als polnischer Beitrag zur IBA 87 ebenfalls von historischer Bedeutung. Im Oeuvre des in Polen überaus bekannten und verdienten Architekten Romuald Loegler stellt der IBA Beitrag eines der wenigen ausländischen Projekte dar.

Künstlerische Bedeutung:

Von hoher künstlerischer Bedeutung ist zunächst die Ausbildung des gesamten Gebäudekomplexes. Durch die Überspitzung der Gebäudeecken an Los 1 und Los 5, die in den Straßenraum hineinragen, entsteht eine korrespondierende Form. Obwohl hier verschiedene Architekten am Werk waren, ist der Komplex als Gesamtplanungsergebnis erlebbar und somit als zeitliches Kontinuum. Die Gebäude in der Dessauer und Bernburger Straße fallen durch ihre betonte Rezeption der klassischen Moderne auf. Auch hier ist der gegenseitige Bezug ablesbar.

Die Fassade von Zaha Hadid trägt die expressionistische Handschrift der Architekturkünstlerin. Gleichzeitig handelt es sich hierbei um eines der ersten überhaupt erbauten Werke der heutigen Stararchitektin. Als solches bietet es einen wichtigen Ankerpunkt bei der Betrachtung ihres Schaffens.

Das Objekt von Peter Blake wiederum bildet einen Beitrag zur „kritischen Rekonstruktion“ und zur Einbeziehung von Altbausubstanz in moderne Neubauten. Er wählt hierfür den Stil der fiktiven Architektur, die durch altbekannte Formen Identität erzeugen soll. Gelichzeitig bricht er jedoch mit dem historischen Erbe und setzt moderne Elemente entgegen. So wird Geschichte am Objekt erlebbar und im Stadtbild aktiv an verschiedene Zeitschichten erinnert.

Die Höfe bieten eine ansprechende Landschaftsgestaltung. Es wäre zu untersuchen, ob hier Experimente zur kindgerechten Freiraumgestaltung umgesetzt wurden.

Authentizität:
Da das Objekt verhältnismäßig jung ist, ist es im äußeren weitestgehend unverfälscht. Durch wirtschaftlichen Aufschwung der Region kann es jedoch bald zu Sanierungsarbeiten kommen. Besonders sehenswert ist die Farbgebung des Putzes. Bei einer Neugestaltung sollten die kräftigen Farben der Hoffassaden beibehalten werden. Auch die Teilung der Fenster unterstützt den Charakter der Fassaden. Bei einem Fenstertausch ist auf die Sprossenaufteilung zu achten.

Endnoten:

[1] ↑ LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1437.
[2] ↑ LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1440.
[3] ↑ LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1437.
[4] ↑ LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1441.
[5] ↑ LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1439.
[6] ↑ LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1438.
[7] ↑ LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1439.
[8] ↑ Bauaktenarchiv Kreuzberg.
[9] ↑ Bauaktenarchiv Kreuzberg.
[10] ↑ LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1440.

Literatur und Quellen:

• Bernau, Nikolaus: Den Vergessenen ein Denkmal. (Nachruf Myra Warhaftig) In: Berliner Zeitung vom 10.03.2008.

• Blake, Peter: „Die Zukunft des Bauens – die Zukunft der Stadt.“ In: Der Architekt, Juli/ August 1984.

• C.v.L.: In „emanzipatorischen“ IBA-Häusern soll die Küche im Mittelpunkt stehen. In: Der Tagesspiegel 20. April 1986.

• Dietsch: “Beyond the peak: Three projects by Zaha Hadid, Architect” In: Architectural Record, 7/1987

• Jansen, Karin: Emanzipatorisches Bauen und Wohnen. „Wohnblock der Experimente“ In: Stadtbauwelt Nr.119 sowie Bauwelt Nr.36, 1993

• Kleihues, J.P. (Hrsg.): Die Neubaugebiete – Heft 7- die Projekte. Internationale Bauausstellung Berlin 1984/87. Berlin 1993

• o. A.: „Nach der Katastrophe“ In: Bauwelt 36/1993

• Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen Berlin (Hrsg.): IBA Berlin 1987. Projektübersicht. Berlin 1991, S. 106–107.

• Warhaftig, Myra: Die Behinderung der Emanzipation der Frau durch die Wohnung und die Möglichkeit zur Überwindung. Dissertation Berlin 1978.

• Zaha Hadid: „Wohnhaus in Berlin“ In: Bauwelt, Nr. 40/ 1987.

• http://www.frauenwohnprojekte.de

Bauaktenarchiv Kreuzberg – Akten zu den Grundstücken
Landesarchiv Berlin
• LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1436.
• LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1437.
• LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1438.
• LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1439.
• LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1440.
• LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1441.
• LAB B Rep. 168, IBA Intern. Bauausstellung, Nr. 1442.